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Kai Goedeschal

Eine Chiquita ist (k)eine Banane, wie ein Tempo ein Taschentuch

Über die Bedeutung von Namen, Aufklebern und Verpackungen im Zeitalter postmoderner Identitäten und des Hochkapitalismus.

Der Volksmund macht es sich tautologisch einfach: "Warum ist eine Banane krumm? Weil es sonst keine Banane wäre." Bei genauerer Betrachtung zerfällt das Wortspiel, dessen Komik in allen Phasen zu bezweifeln ist,- und weist einzig und allein auf ein äußerliches (signifikantes) Merkmal der Banane hin: sie ist krumm. Je nach Blickrichtung konkav oder konvex. Gelb ist sie oder grün oder braun oder eben gefleckt, mit Stiel, der auf die Staude weist. Darüber hinaus bleibt sie jedoch einfach nur eine Banane. Noch hat sich niemand gefunden, der in grenzenloser und zielloser Spielsucht, gleich den legendären Titanic-Buntstiftlutschern, eine Banane am Geschmack, an der Gelbfärbung, an der Krümmung erkennen wollte. Was gebe es auch zu erkennen?

Die Kenntnis des Mitteleuropäers beschränkt sich auf die im normalen Warensortiment angebotene - und jetzt kann ich nur tautologisch bleiben, weil ich nicht biologisch argumentieren kann - handelsübliche Banane: nennen wir Sie Standardbanane oder Amtsdeutsch Normalbanane - in der neben der Eierschale wohl biologischsten Verpackung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. (1)

Anders als der Apfel, um die Argumentation auf den Punkt zu bringen, der sich im Anbiß und Fruchtflesich, der Schale und im Geschmack unterscheidet und solch wohlklingende Namen wie Granny Smith oder Boskop trägt, ist eine Banane eben eine Normalbanane - eine Standardbanane. Oder kennen sie einen Witz oder eine Zeichnung, in der der Held über eine "Onkel Tuca"-Banane ausgerutscht wäre. Weil aber die westliche, durch den Kapitalismus geprägte Gesellschaft, die sich nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene, sondern auch auf der Subjektebene in einem ständigen Prozeß der Ausdifferenzierung, der seine Dynamik durch die Konkurrenz und den Distinktionsgewinn der Subjekte untereinander erhält, befindet, braucht er auch mehr als eine Banane - mehr als eine Standardbanane; eben eine Luxusbanane oder Klassikbanane, eine Arbeiterbanane, eine Mittelschicht - Banane (2). Bananen müssen sich also Identitäten schaffen, müssen Markennamen schaffen und somit die Möglichkeit der qualitativen Differenzierung - denn nur ein Markenbanane ist eine gute und teure Banane - bieten.

Dies ist die Aufgabe des Bananenaufklebers und der mit dieser Identität geschaffenen Werbemöglichkeit. (3) Bananen können nun - da Sie 'Individuen' produzieren - zu Stars werden, können teuer verkauft werden und Distinktionsgewinne schaffen. Während die Parfümindustrie zusätzlich noch teure Flakons und Kartonagen entwirft - hier wiederholt sich eben ein Prozeß, der, um etwas profan auszudrücken, auch bei Marmeladen zu beobachten ist -, ist die Banane aufgrund der genialen- oder haben Sie schon einmal Bananen im Karton gekauft - Verpackung (s.o.), auf die Möglichkeit des Aufklebers zurückgeworfen. (4)

Der Bananenaufkleber ist somit nicht nur ein symbolischer Träger menschlicher Distinkstionsprozesse im ausgehenden 20. Jahrhundert und damit ein Hinweis auf menschliche Kommunikationsprozesse überhaupt, sondern auch in seinem dezidiert marktorientierten Charakter, eine Geburt aus dem Geiste des Spätkapitalismus abendländischer Prägung.

(1) Nur Masochisten können das Eßpapier, in dem neuerdings Pommes eingepackt werden über die Bananenschale stellen.
(2) Der Verfasser ist sich durchaus der Problematik des implizierten veralteten Schichtenmodells bewußt und weiß um die neue Einteilung nach Stilgemeinschaften, die sich auf der Basis gemeinsamer Interessen und Ästhetiken begründen. In diesem Zusammenhang dient das alte Schichtenmodel nur heuristischen Zwecken.
(3) Der Charakter der Werbung zeigt sich vor allem in der Qualitätsdifferenzierung. Nicht mehr auf grundsätzliche Unterschiede weißt die Werbung hin, sondern auf die, im Gegensatz zu anderen Produkten implizit vorhandene Qualität, die allerdings nicht mehr über Produktunterschiede deutlich gemacht wird, sondern nur über die Tatsache, daß für diese Produkte, im Gegensatz zu anderen Produkten, geworben wird.
(4) Wahrscheinlich wird die sich im Aufschwung befindliche Genindustrie eine neue Methode entwerfen, bei der das Emblem gleich in der Schale mitwächst. Reflektiert man diese Möglichkeit so ergibt sich auch die Bedeutung des BAM. In einer Zeit sich wandelnder Produktionsmethoden und des mit diesem Prozesses einhergehenden Verschwindens gesellschaftlicher Artefakte und Symbole, müssen diese grundlegenden Zeichen menschlicher Kommunikation archiviert werden, um so einen Beitrag zu einer noch zu schreibenden Mentalitätsgeschichte der Konsum- und der Distinktionsphänomene im ausgehenden 20. Jahrhundert zu leisten.