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Aufkleber Unorte und Wagnis |
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Sie sind so vielfältig in unser alltägliches Leben eingedrungen, daß wir ihre Existenz gar nicht mehr wahrnehmen: Aufkleber. Die mit dem Aufkleber verbundene Kulturtechnik des Klebens, des Kittens, des Verbindens ist als zivilisatorische Praxis in einer Zeit des Bruchs, der Fraktur, des Risses von eminent wichtiger Bedeutung. Gleichzeitig stehen das Kleben und die Möglichkeiten des Klebens für eine Praxis des Temporären, des Austauschbaren, des Wechselnden, des Übergangs, aber auch der Collage, des Nebeneinanders und des Gleichzeitigen und für eine Praxis pluraler, invdividueller und diversifizierter kultureller Aneignungsprozesse. Plakate von zeitweiligen Idols an den Wänden, Reproduktionen kanonischer und salonfähiger Werke der bildenden Kunst, aber auch Erinnerungen (Post it's) - alternativ zur Metallmagnetpinnwand - deuten auf jene Dialektik von Zeit und Raum bzw. Ort, im dem das Aufgeklebte relativ positioniert ist. Aus anderen Kontexten entfernt, in einen neuen Kontext gebracht: So ist der Ort des Geklebten ein Un-Ort, da die Verbindung durch den Kleber - ob temporär begrenzt oder un-begrenzt - eben eine nachträgliche, organisch nicht vorhandene Verbindung zweier Dinge ist, die durch die nachträgliche hergestellte Einheit neu semantisiert wird. Deutlich wird dieses Prinzip bei den vor einiger Zeit modischen 'Klecksaufklebern' auf der Autokarosserie. Auch gebraucht, um Rostflecken zu verdecken, verkehrten sie jenes Prinzip des sauberen glatten Farbauftrags, brachten es in eine systematische Un-Ordnung und verwiesen in jenem Prozeß auf den Ort unter und neben dem Aufkleber bzw. den Auftrag des Aufklebers als un-vorhandene Form. Anders formuliert: Diese Neusemantisierung verweist an ihren Rändern, auf sich selbst. Durch diesen sichtbaren Übergang, wird der Übergang und damit indirekt der Zustand vor der Neuverbindung reflektiert. [Hiervon bleibt die Frage nach einer inhaltlich nachvoll- ziehbaren Positionierung gänzlich unberührt.] Die Ziele einer Strategie der Neusemantisierung können vielfältig verwobener Art sein. Gleichzeitig hat die Form des Klebens, des möglichen späteren Abtrags, auch den Gestus des Wagnis, der Chance, der temporären Identifizierung und Ablösung. Dies wird in einer Tesa-Reklame aus dem Jahre 1998 deutlich: Kurz vor dem vermeintlichen Spielende reißt ein enttäuschter Fan das Bild seiner Mannschaft von der Wand. Sekunden - eigentlich nur ein Torjubel - später wird das Bild der Mannschaft durch den nun zufriedenen Fan wieder angeklebt. Die nachträgliche Aufladung eines Ortes mit distinktiven Potentialen (1) durch den Verweis auf ein anderes Artefakt kultureller Produktion ist ebenso wie die Kennzeichnung eines Ortes als eines Ortes des Verbotes, so. z.B. durch die Anbringung des Zeichens für Männer oder Frauen an der Toilette oder die Kennzeichnung eines Raumes als Privat und damit als der öffentlichen Sphäre verboten, ein Prozeß der Lokalisierung und Positionierung. Diese Schilder weisen neben der Benennung, die auch gleichzeitig einen appellativen Charakter beinhaltet, auf eine Ver-Ortung und Ver-Ordnung hin. Parallel zu dem Trend der Ver-Ortung und Ver-Ordnung ist das Prinzip der inhaltlichen, wie qualitativen Füllung zu bedenken. Eine bekannte Nußaufstrichfirma kondensierte das Prinzip auf die sprachliche Einheit "Nur wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin." Aufkleberetikette werden Fernsehzeitschriften beigegeben, Eingemachtes in Marmeladengläser identifizierbar gemacht, Disketten geordnet. Hier muß angesetzt werden: Das auch bei Bananenaufklebern zutage tretende Prinzip, der Namensgebung, der Kunden- information, der qualitativ-distinktiven Positionierung, der Ver-Ortung im Marktprozeß des Spätkapitalismus (Vgl. dazu die Bemerkungen von Kai Goedeschal in diesem Katalog) muß im Kontext einer Analyse der inviduellen ikonographischen Referenzsysteme ebenso berücksichtigt werden, wie die kulturelle Einbettung der Banane als solcher in den Zeichen- kanon nationaler Kulturstereotypen. |
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(1) Anmerkung: Natürlich gilt die emotionale Verweisfunktion des Zeichens, das über sich hinaus auf ein davor- bzw. dahinterliegendes Ereignis, eine Bedeutung weist auch für den Aufkleber bzw. dessen repräsentativer Ab-Bildung. |